Das Auslaufmodell
Wer kennt die T-Klasse? Nicht gerade das attraktivste Angebot von Mercedes, nicht gerade ein Bestseller. Aber ein Auslaufmodell, denn die Produktion wird bald enden. Nun stellen wir zur Abwechslung mal einen Loser auf dem Abstellgleis vor, und dabei ist es sogar ein schön gemachter Loser: die Mercedes T-Klasse von NZG.
Caramini-online-Leser erwarten Präsentationen neuer und attraktiver Modellautos. Zu recht! Nun tun wir das nicht Erwartete und featuren ein unattraktives Auslaufmodell. Zur Abwechslung. Dabei ist das Modell selbst durchaus attraktiv gemacht, ein professionell konstruiertes Industriemodell, aber das Vorbild ist eben nicht der Brüller. Die Miniatur erschien anlässlich der Präsentation des Originals. Dieses gibt nun den Hut ab, denn die Zusammenarbeit zweier Konzerne endete, was uns eine Geschichte wert ist. Und das Modell ist noch fabrikneu lieferbar. Also, Freunde, auf geht’s: Die Mercedes T-Klasse von NZG in 1:18!
Die strategische Allianz zwischen Daimler-Benz und dem Renault-Nissan-Konzern begann 2010 mit viel Tamtam und ging nun geräuschlos zu Ende. In dieser Zeit sind einige Gemeinsamkeiten und Badge-Engineering-Produkte erschienen, manche davon in Europa weniger verbreitet, andere allgegenwärtig im Verkehr. Das bekannteste, gemeinsame Kind ist das Pärchen Renault Twingo/Smart Forfour. Der wuchtigste Spross ist die Mercedes X-Klasse, jener Pickup, der auf dem Nissan Navara und dessen Renault-Klon Alaskan basiert. Zwei Infiniti-Versionen, der Q30 und der QX30, basieren auf Mercedes-Plattformen (A-Klasse und GLA). Und dann ist da noch der Renault Kangoo, jener Hochraumkombi, der in seiner ersten Generation 1997 bis 2003 heute Kultcharakter aufweist und besonders in Japan eine unverschämt große Fanschar hat. Dessen zweite Generation 2008 bis 2021, den es auch als Nissan Townstar gab, baute Renault im nordfranzösischen Maubeuge auch für Daimler-Benz. Mit anderer Front- und Heckgestaltung sowie einem eigenen Armaturenbrett erschien im Oktober 2012 der Mercedes W415 Citan. Abgelöst wurde der W415 im Oktober 2021 durch den W420, auf der dritten Kangoo-Generation beruhend, als Lieferwagen und als verglaster Personentransporter namens Citan Tourer. Im Folgejahr wurde die T-Klasse eingeführt, die Pkw-Variante des Citan, und alle drei gibt es mit zwei Radständen. Zwei Motoren, ein 1,3-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 102 oder 131 PS sowie ein 1,5-Liter-Diesel mit 75, 95 oder 116 PS.
Vor genau einem Jahr, im April 2025, wurde bekannt, dass Daimler-Benz aus diesem Segment aussteigt, die T-Klasse und den Citan ersatzlos einstellt und die Kooperation mit Renault-Nissan beendet. Mitte 2026 laufen die „Small Vans“, wie Daimler-Benz diesen Sektor treudeutsch nennt, aus, und damit der letzte Spross der Kooperation, die schon lange bröckelte. Die X-Klasse, also den Pickup, gibt es seit Mai 2020 nicht mehr, der Smart Forfour, zuletzt ausschließlich elektrisch, starb Ende 2021, die beiden Infiniti wurden bis 2020 gebaut – somit waren der Citan und die T-Klasse die letzten Überlebenden aus der deutsch-französisch-japanischen Allianz.
„semi-all-open“: Ein bisschen was geht auf
Das Industriemodell für Daimler-Benz machte NZG, sowohl den Citan Lieferwagen als auch die T-Klasse der (noch) aktuellen Baureihe W420, jeweils mit dem kurzen Radstand. Bei Mercedes sind beide noch verfügbar, der Citan in Magnetitgrau und die T-Klasse in Rubellitrot Metallic. NZG hat als Fachhandelsmodell die T-Klasse im Angebot, in ebenso neutralem wie typischem Anthrazitgraumetallic (Chromitgrau Metallic 7745). Ihn haben wir uns als Muster für das Auslaufmodell ausgesucht. Denn die wenigen T-Klassen, die wir auf der Straße sehen, sind fast alle in Grau/Silbermetallic-Tönen lackiert. In edlem Rubellitrot ist uns, zumindest bewusst, noch keine T-Klasse begegnet. Aber wie viele begegnen einem schon? Exakte Zahlen sind nicht verfügbar, schließlich wird der Wagen in Frankreich auf einem Fließband mit dem Renault Kangoo und dem Nissan Townstar gebaut. Aber viele waren es nie, das gibt Daimler-Benz selber zu, und deswegen, also wegen Unrentabilität und Erfolglosigkeit, wird der Typ schließlich eingestellt.
Zu dem Zeitpunkt, als Daimler-Benz bei NZG den kleinen Güter- und Personentransporter in Auftrag gab, galt noch die Devise: Die preiswerteren Mercedes-Fahrzeuge müssen auch als Modell preiswerter sein und brauchen deswegen nicht all-open konstruiert zu werden. Da erschienen viertürige C-Klassen, an denen sich nur die vorderen Türen öffnen ließen. Damit machte man weder den Sammlern noch den Mercedes-Kunden besondere Freude. Daimler-Benz hat das sehr wohl realisiert. Heute gibt es das nicht mehr, aber die T-Klasse entstand noch zu dieser Zeit. Sie ist „semi-all-open“: Fahrer und Beifahrertüre gehen auf. Die hinteren, seitlichen Schiebetüren, die Heckklappe und die Motorhaube bleiben zu. Das gefällt natürlich niemandem so recht, aber es ist tatsächlich so, dass die Modelle dadurch günstiger als andere Mercedes-Achtzehner angeboten werden können – und das wiederum gefällt jedem. Das NZG-Fachhandelsmodell kostet 84 Euro, die Mercedes-Industriemodelle sind sogar zehn Prozent preiswerter. Aber diese zehn Prozent bekommt man als guter Kunde oftmals als Rabatt von seinem Fachhändler. Im Mercedes-Accessoire-Shop hingegen bekommt der Normalkunde keinen Rabatt auf Modellautos. So gesehen ist der Preis zwischen Fachhandels- und Industriemodell also gleich.
90 Einzelteile erschaffen eine T-Klasse
Das Modell besteht aus 90 Teilen. Wenig gegenüber einem CMC-Modell. Aber andere Hersteller schaffen es, einen Achtzehner aus allemal 50 Teilen zusammenzuschrauben – und dazu zählen dann sogar die Schrauben selber! Die NZG-Product-Manager haben einen soliden Job gemacht, die von Daimler-Benz zugelieferten Daten korrekt auf 1:18 gezirkelt und mit genügend Augenmaß eine Miniatur geschaffen, die in jedem Winkel wie eine T-Klasse aussieht. Außer der Tatsache, dass nur ein bisschen etwas, aber nicht alles aufgeht (aber eben auch nicht alles zubleibt), ist dem Modell kein Vorwurf zu machen. Semi-all-open ist eben nicht Fisch (= sealed) und nicht Fleisch (= all open), sondern ein Kompromiss. Dafür lenkt die T-Klasse und federn kann sie auch – schön weich und wahrscheinlich sogar besser als ihr nutzfahrzeughaftes 1:echt-Vorbild.
Die Ausstattungsversion heißt Progressive und markiert das T-Klasse-Toplevel für rund 30.000 Euro. Es beinhaltet das Progressive Line Exterieur und Interieur, LED-Scheinwerfer, Nebelscheinwerfer in LED-Technik, Kühlergrill verchromt, verchromte Zierleiste an der Heckklappe, Außenspiegelgehäuse in Wagenfarbe. Der hintere Zugang erfolgt über eine oben angeschlagene Klappe, alternativ gäbe es auch eine zweiflügelige, rechts und links angeschlagene Hecktüre (wie beim Citan). Als Extra trägt die T-Klasse eine Dachreling und den Metalliclack; die 17-Zoll-Aluräder im 5-Doppelspeichen-Design gehören zur Ausstattungslinie Progressive. Das alles hat NZG sehr schön wiedergegeben, die Felgen zweifarbig silbern/glanzschwarz lackiert, dahinter Scheibe und Sattel, auch der Grill ist gesilbert. Im Original sind die Felgen glanzgedreht und der Grill verchromt, doch das Modell weist nirgends Chrom auf. Auch der Stern auf der Heckklappe ist lediglich ein silberner Druck. Teppichboden? Beim Original schon, beim Modell nicht. Man sieht, bei der Konstruktion gab sich NZG die notwendige und von Daimler-Benz vorgeschriebene Mühe und schuf ein schönes Modell. Aber im Detail wurde gespart, um den Verkaufspreis auf jenem Level zu halten, von dem man denkt, der Kunde zahle ihn. Es handelt sich also in der Ausstattung um ein Budget-Modell, die Konstruktion hingegen ist NZG-typisch.
Was spricht also dafür, sich ausgerechnet eine Mercedes T-Klasse zu kaufen? Mal abgesehen davon, dass man selbst T-Klasse-Fahrer ist? Dagegen spricht, dass die T-Klasse ein langweiliges, dröges Fahrzeug ohne jedweden Appeal ist. Dafür spricht, dass sie ein langweiliges, dröges Fahrzeug ohne jedweden Appeal ist. Denn so etwas kauft doch kaum jemand. Wer das hat, ist nahezu alleine. Und das wiederum nennt sich antizyklisches Handeln, nennt sich Individualismus. Noch kann man sie kaufen, die T-Klasse. Ist sie einmal weg vom (Neuwagen-) Fenster, wird sie auf dem Gebrauchtwagenmarkt dieselbe Rolle spielen, wie ihr großes Vorbild: nämlich keine, Wertverlust. Und irgendwann, wenn die Verzweiflungsverkäufe getan sind, wird das Ding selten. Es wird dann wenige Sammler geben, die eine NZG T-Klasse suchen. Aber die werden sich schwer tun, eine zu finden. Denn es wird wenige Sammler geben, die eine T-Klasse haben und sich von ihr trennen wollen. Irgendwann wird der Zeitpunkt da sein, dass alle aufgeteilt sind und nur noch derjenige eine NZG T-Klasse hat, der eine haben will und sie nicht hergibt. Spätestens dann ist der Markt tot und jedes einzelne, angebotene Exemplar könnte zum Ereignis werden.
afs




Modellfotos: bat

Foto: Mercedes-Benz
Steckbrief:
NZG 104800051 Mercedes T-Klasse W420 2021 anthrazitgraumetallic. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 85 Euro.