Himbeere und Blaubeere und Brombeere
Keine sympathischen Erscheinungen. Eher böse Autos! AUTOart widmet sich dem letzten Dodge Challenger und ist bei den Jahrgängen 2022/23 als Neuheiten angekommen, zwei Versionen, Jail Break und Super Stock. Eindrucksvolle und finstere Gestalten sind das, quasi die Super-Gangster auf vier Rädern. Wer Aufruhr in der Vitrine verursachen möchte, hat nun Gelegenheit dazu.
Formal identisch, doch der Eine Hellrot, der Andere Dunkelviolett und der Dritte Blaulilametallic, also wie Himbeere und Brombeere und Blaubeere, präsentieren sich die drei neuen Dotschies von AUTOart auf dem schwarzen Schreibtisch. Merke: Im Englischen sagt man Dotsch, wenn man einen Dodge meint, und Dotschies, wenn man von mehreren spricht. Und nur jener, der schönes Englisch spricht, sagt Dotsch. Wer nuschelt oder Slang oder amerikanisch spricht, redet vom Dahtsch. So sprechen wir es nicht aus, denn das klingt uns zu sehr nach Dacia (phonetisch: Datschia). Und zwischen Dahtsch und Datschia liegen nun einmal Welten.
AUTOart bringt Dotschies des Typs Challenger SRT Jailbrake 2022 in Indigo Blue, TorRed, F8 Green und Hellraisin, darüber hinaus den SRT Super Stock 2023 in Pitch Black, Knuckle White, Frostbite (hellblaumetallic), Plum Crazy (dunkelviolett) und Sublime (giftgrün). Alle sind mittlerweile lieferbar, identischer Preis. Wir haben uns den Jailbrake in TorRed und Hellraisin sowie den Superstock in Plum Crazy für die Besprechung ausgesucht, der Farben wegen, klar, aber auch der Farbbezeichnungen wegen. „TorRed“ mit dem R als Binnenmajuskel ist ein Wortspiel; phonetisch wird es gleich ausgesprochen wie „torrid“, was „heiß“, „glühend“, „brennend“ und leidenschaftlich“ heißt. „Raisin“ hingegen heißt auf Deutsch „Rosine“, und nur der Deutschsprachige verbindet mit „Hellraisin“ die helle Rosine (was auf die konkrete Farbe nicht zutrifft, die ist sehr dunkel). „Hellraisin“ oder auch „Hell Raisin“ ist ein amerikanisches Slangwort und bedeutet „wild feiern“, also eine Art Aufruhr, eine entfesselte Feier, verbunden mit Exzessen. Und auch dies ist ein Wortspiel: „raising hell“ heißt grob übersetzt „Zeter und Mordio schreien“. Und dann nuch „Plum Crazy“. Das heißt mitnichten „verrückte Pflaume“ (dazu würde der Brite „crazy plum“ sagen, aber nicht „plum crazy“). „Plum Crazy“ ist vielmehr ein Slang-Adverb für „völlig verrückt“. „Plum“ hat nämlich nichts mit der Frucht zu tun, sondern ist eine Jargon-Verkürzung für „plumb“ = „völlig“, „absolut“, „genau“. Natürlich ist die Assoziation zur Frucht offensichtlich, und so ist „Plum Crazy“ auf der Dodge-Farbpalette ziemlich pflaumig. Alle Drei sind also sehr treffende Bezeichnungen der Dodge-Farben in Bezug auf den Charakter des Autos. Kein guter Charakter. Ein böser Charakter! Ein böses Auto.
Die vielen, unterschiedlichen Typbezeichnungen der Dodge Challenger sind wirklich nur für denjenigen durchschaubar, der sich sehr damit beschäftigt. Dodge lieferte den Challenger in rund 20 Versionen, deren Unterschiede einer Dissertation gleichkommen. Für AUTOart ergibt sich, das gleiche Auto mit unterschiedlichen Felgen gleich zwei Typbezeichnungen zuordnen zu können und dadurch unterschiedliche Vorbilder zu suggerieren. In Wahrheit ist es immer das gleiche Auto – nicht mal mehr die Motorhauben mit ihren Hutzen und Nüstern und Ausbuchtungen unterscheiden sich mehr, im Gegensatz zu früheren Jahrgängen. Jailbreak und Super Stock differieren bei AUTOart nur durch die Felgen. Die typisch amerikanischen Doppelstreifen über Motorhaube, Dach und Kofferraumdeckel gibt es optional bei allen Versionen.
Der SRT Jailbreak ist eine limitierte Hochleistungsversion mit 717 PS ohne werksseitige Bestellbeschränkungen, also freie Kombination von Farben, sieben Felgenarten, fünf Bremssattelfarben, Streifenpaketen und Graphiken sowie Innenausstattungen. SRT steht für den Motor, 6,2-Liter-Kompressor-V8 mit 717 PS. Der SRT Jailbreak ist bezüglich der Ausstattung die Topversion, die nur durch den SRT Jailbreak Redeye überflügelt werden kann, die 797 statt 717 PS aufweist. Der SRT Super Stock kommt sogar auf 808 PS. Noch stärker hingegen sind SRT Demon und Demon 170 mit über 1000 PS. Optische Unterschiede der Aggregate gibt es, zumindest im AUTOart-Motorraum, nicht.
Aufruhr in bürgerlichen Vitrinen
Ein Fünfmeter-Auto ist auch in 1:18 ein stattliches Kaliber und nimmt viel Vitrinenfläche in Anspruch, vor allem auch wegen seiner Breite, und die AUTOart-Versionen sind allesamt Widebodys. Kleine Fensterflächen, immens hohe Karosseriekörper, viel Blech, von AUTOart wie üblich aus Kunststoff nachgebildet, erzeugt große Flächen. AUTOart lackiert sie hervorragend, spiegelglatt und fehlerfrei, und vor allem bei den Metalliclacken ist deutlich, dass die „Flakes“, welche den Lack zum metallischen Schimmern animieren, nicht zu groß für 1:18 sind. Spaltmaße gibt es dank der „Composite“-Bauweise, also der Kunststoffkarosserie, nahezu keine (aber das schaffen andere mittlerweile auch bei Diecast-Außenhäuten), die Türen schließen satt mithilfe von Federn, aber sie haben nicht den authentischen Klack von Diecast-Türen. Dafür halten die Hauben an den kunstvollen Aufstellern tatsächlich auf, sie sind nicht zu schwer für ihre kleinen Helferlein und AUTOart kann die Gasdruckdämpfer und Scharniere entsprechend filigran gestalten. Vor allem der Kofferraumdeckel besticht durch seine dem Vorbild angelehnte Kinematik. Die vordere Haube hingegen erfreut den Betrachter durch einen 90-Grad-Öffnungswinkel. Da sieht man, was darunter steckt! Es ist der Chrysler-Hemi-6,2-Liter-Supercharged-Motor, den Dodge nicht unter Kunststoffabdeckungen versteckt, sondern gut sichtbar als Augenweide platziert. AUTOart arbeitet natürlich klassisch mit einem separat eingesetzten Herzen, wenngleich der Motorraum so voll ist, dass man nicht nach unten auf den Asphalt sieht. Zentral auf dem Motor sitzt der Kompressor (Supercharger), davor die Drosselklappe, welche die Luftzufuhr regelt, sodann sieht man die typischen halbkugelförmigen Hemi-Zylinderköpfe, ganz vorne die Kurbelwellen-Riemenscheibe mit zwei knallgrünen Keilriemen, dazu einige Zusatzaggregate, teils farblich hervorgehoben, mattweiß lackierte Flüssigkeitsbehälter, und auf dem gelben Deckel für die Scheibenwaschanlage ist das Symbol derselben aufgedruckt. In diesem Motorraum gibt es einiges zu entdecken und feine Modellbaukunst zu bewundern. Eher langweilig ist hingegen der Kofferraum, eben ein mit Teppichboden ausgeschlagener Raum.
Innen gab sich AUTOart viel Mühe, natürlich Teppichboden und natürlich High-Class-Dekoration. Aber das – an sich unverständliche – blaugrauschwarze AUTOart-Einerlei an Innenraumfarben wurde beim Challenger über Bord geworfen – eben den Vorbildern geschuldet, und AUTOart beweist, dass bunte Interieurs möglich sind. Schön gemacht sind die Stoff-Sicherheitsgurte mit Fotoätzschnallen, und die Armatureneinheit (mit roten Ziffernblättern) sitzt hinter Glas und spiegelt munter. Dass Leuchten und Felgen auf sehr hohem Niveau reproduziert wurden, bedarf keiner extra Erwähnung.
Nach den 2018er Modellen, die AUTOart im Jahre 2021 brachte, ist nun also als letzter Schwung der Jahrgang 2022/23 erschienen. Es ist der definitiv Letzte, der Retro-Challenger ist Geschichte, die Produktion lief von 2008 bis 2023 mit einer größeren Modellpflege 2014 (letztes Modell am 22. Dezember 2023). Die Nachfolge trat im März 2024 der ebenfalls im Retro-Segment agierende Charger an.
Wer diese Challenger seiner Sammlung brav-bürgerlicher Modellautos einverleibt, verursacht Aufruhr, Angst und Schrecken. Wer dort bereits Fahrzeuge dieser Art stehen hat, die ihr Terrain abgesteckt und die vitrineninterne Hierarchie definiert haben, sorgt für blutige Revierkämpfe. So oder so – mit der Ruhe in der Vitrine ist es vorbei.
afs


Modellfotos: Hans-Joachim Gilbert









Steckbrief:
AUTOart 71762 Dodge Challenger SRT Jailbreak 2022 Hellraisin und 71764 dito TorRed. AUTOart 71768 Dodge Charger SRT Super Stock 2023 Plum Crazy. Fertigmodelle Kunststoff, Maßstab 1:18. UVP je 282,95 Euro.