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News 1:18 AUTOart Ford (USA) F-150 Raptor Supercrew 2019

Unter Geiern

Die Vitrine wird zur Flugvolière: AUTOart lässt den Raptor los, den bösesten aller Raubvögel auf vier Rädern. Und was für Räder! Ein Raptor schindet gehörig Eindruck. Von wegen possierlich! Vielmehr der reinste Poser. Wer Mut hat und seiner Modellautosammlung zumutet, die Gesellschaft eines Raptor zu genießen, sollte es tun. In der Vitrine wird nichts mehr sein wie einst.

„Raptor“ heißt „Greifvogel“, also Habicht, Sperber, Bussard, Adler et cetera. So nennt Ford seine Power-Pickups. Das ist eine Ansage. Greifvögel sind keine possierlichen Tierchen. Das weiß, wer schon mal einem Falken oder Habicht in die Augen blickte. Das hinterlässt einen unvergesslichen Eindruck. Wer im Durchschnittsauto vor einem röhrenden Ford Raptor steht und von diesem angebrüllt wird: „Mach’ Platz, Du Geringverdiener!“, kann entweder auf „David contra Goliath“ machen und dabei nur den Kürzeren ziehen oder lieber auf „Der Klügere gibt nach“ machen und seine Überlebenschance genießen. Es gibt Fahrzeuge, die man lieber vor sich als hinter sich hat. Dazu gehört der Ford Raptor.

Unter Geiern: Ford hat mehrere Raptoren im Einsatz, ein veritables Raubvogel-Gehege. Der Pionier und das absolute Aushängeschild ist der F-150, seit 2010 als Raptor verfügbar. Seit 2018/19 gibt es auch den kleineren, in Thailand für den Weltmarkt gebauten Pickup Ranger als Raptor, auch in Europa. Und auf einigen Märkten gab es auch von der Vorgänger-Generation des Ranger eine Raptor-Version (SVT Raptor ab 2010). Zur Raptor-Familie gehört seit 2022 zusätzlich der aktuelle Bronco – kein Pickup, sondern ein SUV, aber er basiert auf der gleichen Plattform wie der Ranger, und so bot es sich an, auch ihn zu raptorisieren. Mit der Raptor-Reihe stellt Ford das Bindeglied zwischen den Racing-Trucks (beispielsweise für Wüsten-Rallyes) und den straßenzugelassenen Pickups her. Ein Raptor trägt keine Pflaume im Grill, das wäre zu freundlich. Da steht „Ford“ in Großbuchstaben, nein, in Größtbuchstaben. Natürlich hat ein Raptor Allradantrieb (das ist erwähnenswert, weil zumindest in den USA nicht selbstverständlich), er hat ein besonders offroad-geeignetes Fahrwerk, kombiniert mit All-Terrain-Reifen, sehr breit, und deswegen sind Kotflügelverbreiterungen notwendig.

Das Spitzenmodell, den F-150 Raptor, gibt es nunmehr in der dritten Generation, und die AUTOart-Neuheit ist mitnichten der aktuelle F-150 Raptor, sondern ein Vertreter der zweiten Generation 2017 bis 2020. Das ist so, weil sich AUTOart viel (zu viel) Zeit mit der Entwicklung dieses Modellautos gelassen hat. Angekündigt ist es, seitdem es aktuell war, seit fünf oder sechs Jahren. Nun ist es am Markt, aber von der Aktualität überholt. Never mind! Der Raptor bleibt, trotzdem er nicht der Aktuellste ist, ausdrucksstark und eindrucksvoll. Das geht schon mit seinen schieren Maßen los: Da reicht ein normales 30-cm-Lineal nicht zum Nachmessen. Wir mussten in den Keller gehen und einen Meterstab holen. Er besagt 33 cm, und die Länge des Originals beträgt 5,89 Meter (Supercrew, der Supercab misst „nur“ 5,59 m). Wer Pkws in 1:18 sammelt, dürfte mit ihm sein größtes Modell erwerben. Und eine 1:18-Lastwagen-Sattelzugmaschine ist auch nicht viel länger, aber natürlich deutlich breiter. So oder so: Der Raptor ist ein großes Auto, auch in 1:18. Aber dafür ist er kein schweres Modell, dem Werkstoff Kunststoff sei Dank: rund ein Kilo wiegt es, aus Diecast könnte es locker das Doppelte sein. Wer ausschließlich AUTOart-Modelle nach 2015/16 sammelt, also aus der Kunststoffära, braucht sich keine Sorgen über die Statiksicherheit seiner Vitrine zu machen.

Ein feiner AUTOart, kein grober Klotz

Nun ist ja ein Pickup in der allgemeinen Wahrnehmung ein eher grobschlächtiges Fortbewegungsmittel. Das betrifft seine Ausstattung, weil er es aushalten muss, dass in ihm schuftende Menschen zugange sind, die seine Ladefläche mit derbem Zeug malträtieren. Das betrifft auch seine Konstruktion. Denn sie muss auch etwas aushalten, raues Gelände, wenig Rücksichtnahme, Überladung, auch oftmals Fahrer, die nicht Eigentümer des Autos sind. Ein Pickup ist nicht umsonst ein Geländewagen mit anderer Karosserie, aber unterm Blech eben waschechte Offroadtechnik. Da könnte man meinen, dieser Charakter spiegle sich im Modell wider. Tut er bei AUTOart aber nicht. AUTOart hat dieses Modell ebenso fein geschaffen wie einen McLaren, Maybach, Aston Martin, Toyota Century oder Lamborghini. So gesehen, ist das wahre Gleichmacherei. Ein Sozialdemokrat sollte sich darüber freuen. Aber er freut sich nicht über AUTOart-Modelle, weil zu teuer, zu elitär. Aber immerhin: Hier wird keiner konstruktiv bevorzugt oder benachteiligt. Jedem bringt der Product Manager die gleiche Zuneigung und Sorgfalt entgegen, der Raptor Pickup ist ein typisches AUTOart-Modell. Der Raubvogel erscheint bei AUTOart in fünf Farben, alle bereits ausgeliefert: Ingot Silver, Oxford White, Agate Black, Ruby Red und Velocity Blue, was wir uns als Muster ausgesucht haben.

All open bedeutet beim Raptor im Gegensatz zu sonstigen AUTOart-Modellen, dass nicht alles aufgeht. Die vier Türen schon, die Motorhaube auch, aber nicht die hintere Klappe der Pickupwanne. Das ist merkwürdig und wir können es uns und den Lesern nur mit der Vermutung erklären, dass die Karosserie mit zu öffnender Klappe nicht die nötige Stabilität hätte. Ein „Short Cut“, also das Ergebnis einer Kostenreduzierung, ist es angesichts der Positionierung von AUTOart-Modellen und auch deren Verkaufspreis sicherlich nicht.

Wir brauchen nicht mehr von AUTOart-Modellen zu schwärmen und deren grundsätzlichen Tugenden zu loben. Dazu besprechen wir sie zu häufig und maßen uns die Behauptung an, der Caramini-online-Leser konsumiere hiermit nicht den ersten AUTOart-Beitrag – was journalistisch ein Handwerksfehler ist. Der Volontär lernt in seinen ersten Tagen, er müsse stets so schreiben, dass ein Leser mit null Ahnung durchblicke. Darum wurde selbst im letzten von 16 Merkel-Jahren in jedem Artikel mindestens einmal erwähnt, dass sie mit Vornamen Angela heiße und Bundeskanzlerin sei. Nicht mal das durfte man als Allgemeinwissen des Lesers annehmen. Wir setzen uns über diesen Journalistengrundsatz nonchalant hinweg. Es reicht, zu sagen: AUTOart kann nicht nur LamboMaybachJaguar, AUTOart kann auch Pickup.

Der Teppichboden wirkt weniger wie ein solcher, sondern ziemlich filzig. Aber das ist dem Vorbild geschuldet. In einem Raptor stehen die Füße zwar nicht auf Gummimatten, aber die pedikürten Zehchen lümmeln auch nicht auf Hochflor-Teppich. Die Farbe der Innenausstattung kommt AUTOart sehr entgegen. Es ist das präferierte Dunkelgraublau, das AUTOart im Zweifel stets wählt. Sehr hübsch sind die Einstiegsschwellerleistchen, beschriftet mit „Ford-Performance“, das letzte Wort in knalligem Rot. Das ist neben der 12-Uhr-Markierung des Lenkrads der einzige Farbtupfer im Inneren. Der Motor sieht aus, wie ein moderner Nutzfahrzeugmotor eben aussieht, von AUTOart in der üblichen und hochwertigen Art miniaturisiert. Erwähnenswert ist, dass die Flüssigkeitsbehälter nicht, wie sonst üblich, nur weiß bedruckt sind. Es sind separate Formteile, und sie sind in einem weißlich-transparenten Plastik durchgefärbt, Das sieht gut und realistisch aus.

Ein politisches Auto

Ist der Raptor ein politisches Auto? Ja, natürlich! Er symbolisiert etwas, gerade jetzt: den puren Amerikanismus, die „Kultur“ der USA. Wir schreiben das in Anführungszeichen, weil wir dem Aperçu Oscar Wildes zustimmen, die USA seien von der Barbarei ohne Umwege über die Kultur direkt in die Zivilisation gelangt. Henry Ford überschwemmte ab 1908 die USA mit dem Model T, von dem es bald eine offene Lieferwagenversion gab, quasi den ersten Pickup überhaupt. Das war für US-amerikanische Farmer der Nachfolger des Reitpferdes. Der Chrysler-Konzern baute unter seiner Marke Dodge Pickups, ebenfalls sehr populär, und der Dodge Pickup repräsentiert seit dem Zweiten Weltkrieg das Alltagsgefährt des US-amerikanischen Militärs. Der heutige Pickup, egal ob Ford (Ranger, F-Serie) oder Dodge (Ram) ist also das Fahrzeug schlechthin zweier ganz wesentlicher Milieus in den USA, der ländlichen Bevölkerung und aller Menschen im Umfeld der US-Army. Er ist somit rustikal und militärisch, urban ist er nicht. Einen Pickup in der Großstadt fährt, wer ihn beruflich braucht oder wer ein zugezogenes Landei oder ein notorischer Kommisskopf ist. Das umfasst schon mal einen ganz wesentlichen Teil der US-amerikanischen Bevölkerung: Bauern, Handwerker, Armeeveteranen. Aus genau diesen Milieus rekrutiert sich die Wählerschaft des aktuellen US-Präsidenten, der in seinen das Nationale betonenden Kampagnen das Genre des Pickups als spezifisch „american“ betont: Der Pickup ist das Auto „seiner Leute“, und der Präsident ist der festen Überzeugung, in anderen Ländern, auch in Europa, würde die gleiche Klientel wie in den USA einen US-Pickup fahren, wenn er denn billiger wäre.

Teuer ist er wegen der Autozölle der Europäer. Interessanterweise erhoben nämlich die Europäer auf US-Cars einen Einfuhrzoll von 10 Prozent (für schwere Pickups wie den F-150 Raptor bis zu 25 Prozent), die USA auf europäische Fahrzeuge hingegen nur 2,5 Prozent. Das ärgerte den Präsidenten und dies war mit ein Grund für seine aktuelle Zollpolitik den Europäern gegenüber: Im Rahmen des Zollstreits wollte die EU die gegenseitigen Zollsätze auf Industrieprodukte, auch Autos, auf das gleiche Niveau bringen und langfristig gänzlich abschaffen, debattierte monatelang darüber und kam zu keinem Ergebnis. Seit Anfang Mai 2026 erhebt die US-Regierung auf Europaautos 25 Prozent Einfuhrsteuern – was dem europäische Zollsatz auf einen Ford Raptor oder Dodge Ram entspricht und deutlich höher als die bisherigen 10 Prozent ist. Mitte Mai verhandelten die EU-Mitgliedsstaaten erneut über eine Zollobergrenze von 15 Prozent. Die USA reagieren mit einem Sonderzoll, aber unklar ist, ob der überhaupt rechtmäßig ist. Und aufgrund der aktuellen Handelsspannungen zwischen den USA und der EU ist die Umsetzung eines Zollabkommens völlig in der Schwebe. Insofern und deshalb ist der Ford F-150 Raptor ein durchaus politisches Auto.

In Deutschland bekommt man nahezu keinen zu Gesicht. Natürlich sind Ford-Greifvögel auf der Straße zu sehen, aber keine F-150, sondern Ranger Raptor. So mancher selbständige Handwerker gönnt sich einen und macht damit bei seiner Kundschaft bella figura – oder eben auch nicht, je nach Auftritt des Handwerkers und ideologischer Einstellung des Kunden.

afs

Das ist so ein massiges und massives Gerät, dieser F-150 Raptor, so radikal böse und Respekt einflößend. Wer ein schlechtes Gewissen hat, sollte Reißaus nehmen. Wer guten Mutes und selbstsicher ist, kann sich ihm stellen. Ob man eine brave Autosammlung einem solchen Vitrinennachbarn aussetzten möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Es soll Sammler geben, die derartige Modelle aus Gründen des lieben Vitrinenfriedens separieren.
Modellfotos: Hans-Joachim Gilbert
Rustikaler Charme, die Innenfarbe äußert AUTOart-geeignet, dunkelgrau und dunkelblau mit mattsilbernen Akzenten. Die 12-Uhr-Markierung am Lenkrad und die Beschriftung der Einstiegsleiste zieht dadurch das Auge besonders an.
Viel Farbe im Motorraum, Rot der Schriftzug „Ford-Performance“ und die Pluspolabdeckung an der Batterie.
Heckklappe: geht nicht auf. Schade.
Die Bauchschau bereitet Freude: Ins Auge stechen die riesigen, orangefarbenen Stoßdämpfer von Fox-Racing. Unter dem verlängerten Unterfahrschutz teilverborgen die unabhängige Vorderradaufhängung, hinten Starrachse mit Fünflenkeraufhängung und Panhardstab. Vom Motor ist von unten nahezu nichts zu sehen, aber das Zehnstufen-Automatikgetriebe, prominent der massive Leiterrahmen. Hervorragend die Profile der BF-Goodrich-All-Terrain-Reifen (315/70 R17).

Steckbrief:

AUTOart Ford (USA) F-150 Raptor Supercrew Pickup 2019 blaumetallic. Fertigmodell Kunststoff, Maßstab 1:18. UVP 308,95 Euro.