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News 1:18 Minichamps BMW Isetta Export 1957

Verklärte 50er-Jahre-Idylle

Die Zeiten der Revell-Isetta sind längst vorbei. Das Isetta-Vakuum schließt Minichamps mit einer schön gemachten Neukonstruktion. Die beim Öffnen der Vordertüre wegschwenkende Lenksäule ist eine ingeniöse Lösung. Besonders die zweifarbigen Exemplare sind in Sachen Niedlichkeit kaum zu toppen.

Die Kleinsten der Kleinen aus den 50er Jahren genießen Kultstatus. Ihre meist originellen Konstruktionen, ihre Unbeholfenheit und ihre schiere Winzigkeit symbolisieren eine Art automobilen Kindcheneffekt und wecken Emotionen – vom Beschützerinstinkt über wahre Liebe bis hin zu Mitleid. Wenn Kleinstwagen und Rollermobile aus der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit verehrt werden, so verklärt sich heute gerne die Sicht. In Wahrheit waren sie aus der Not geboren. Das Auto schlechthin, der Volkswagen, war nicht für jeden Deutschen erreichbar. Rollermobile und Kleinstwagen sollten den weniger Privilegierten, bisher auf zwei Rädern unterwegs, ein Dach über dem Kopf bieten. Teilweise waren sie zwar auf dem Reißbrett ingeniöse, aber in der Praxis gefährliche Konstruktionen. Und sie waren stets ein Kompromiss. Die Kulthaftigkeit der Rollermobile aus den 50er Jahren ist in den vergangenen Jahren schwer zurückgegangen, parallel zur Verehrung eben dieses Jahrzehnts. Das ist demographisch erklärbar. Wer die 50er Jahre bewusst erlebte, ist heute um die 80 (und gehört somit nicht mehr zur relevanten Käufergruppe). Dass Minichamps nun eine Isetta als Formneuheit lanciert, ist mutig. BMW ist daran nicht unbeteiligt, sowenig die Isetta unbeteiligt an der BMW-Firmenhistorie ist. Und darüber hinaus gilt, was auch zu Zeiten galt, als die 50er das „Trend-Jahrzehnt“ waren: Die Isetta ist hinreichend skurril, sie ist winzig, putzig, schaut süß und sieht süß aus, sie weckt Emotionen. Und immerhin lebt sie im Geiste weiter. Der aktuelle Microlino ist quasi die Neuinterpretation der Isetta, wenngleich nur optisch.

Die Isetta trägt nicht nur einen italienischen Namen, sie ist auch eine italienische Konstruktion, von der Firma Iso in Bresso bei Mailand. Auf ihr basieren all die Lizenzen, deren bekanntesten die deutsche BMW Isetta und die französische Velam Isetta darstellen. Erst später konstruierte Firmenchef Renzo Rivolta die Hochleistungssportwagen à la Iso Grifo und Iso Rivolta. Bis dafür genügend Geld in der Kasse war, musste er Motorroller und Kleinwagen bauen. Mit der Isetta gelang ihm ein Geniestreich, die Lizenzgebühren spülten Geld in seine Kasse.

Im März 1955 präsentierte BMW seine Interpretation des Themas Isetta. Zwei Zweizylinder-Viertakter-Motorradmotoren aus Münchner Fertigung (250 cm³ mit 12 und 300 cm³ mit 13 PS) taten braven Dienst, situiert neben dem rechten Hinterrad und schlecht durch eine kleine Klappe an der Karosserie zugänglich. Der Jahrgang lässt sich durch Kleinigkeiten identifizieren: Zunächst hatte die Isetta Stoßstangenecken und Scheinwerfer in länglichen Gehäusen, 1956 wichen sie kürzeren eiförmigen Gehäusen, die Stoßstangen fielen weg, 1957er Isetten zeichnen sich durch Kühlschlitze auf der Motorklappe aus. Als Standard-Isetta blieb das Modell mit den Trapez-Scheiben bis Frühjahr 1957 im Programm. Der Kunde konnte ab Oktober 1956 zwischen Standard- und Exportversion wählen. Erstere hatte trapezförmige Seitenscheiben, letztere durchgehende, die sich sogar aufschieben ließen, und eine Vorderstoßstange über die gesamte Fahrzeugbreite. Die Export-Isetta ist das Vorbild für die Minichamps-Neuheit. Ab 1957 schwächelte die Isetta wegen der massiven Konkurrenz durch das Goggo und dem wachsenden Wohlstand der Deutschen. Das Exportmodell wurde bis Frühjahr 1962 gebaut, vor allem für die Inhaber des alten Führerscheins der Klasse IV. Mit ihm durften nur Autos bewegt werden, denen höchstens ein Viertelliter Hubraum eingeschenkt wurde, und daraus resultiert der Spitzname für die 250-cm³-Mobile: Führerscheinangst-Fahrzeuge. Während der letzten Isetta-Jahre erfolgte keinerlei Modellpflege. Insgesamt baute BMW innerhalb von acht Jahren 61.628 Isetten aller Versionen, etwas mehr 300er als 250er.

Knutschkugel, Stopfei, Schlaglochsuchgerät, Adventsauto

An der „Knutschkugel“ – einer der mannigfachen zeitgenössischen Spitznamen der Isetta – ist nicht viel dran. In 1:18 sind es 18 Zentimeter Autochen und 244 Gramm Materialgewicht, die Karosserie aus Zinkdruckguss, der Rest aus Kunststoff. Das „Stopfei“ – ebenfalls ein Isetta-Kosenamen – hat einen Scheibenwischer und eine Tür, nämlich frontal. Und rektal hat es einen verchromten Gepäckträger, weil es rektal keinen Kofferraum hat. Aber es hat einen Koffer. Minichamps legt ihn bei, ebenfalls Kunststoff, nett graviert, braun mit silbernen Schnallen. Den transportiert das „Schlaglochsuchgerät“ (siehe oben) stilgerecht außenbord, auf der Gepäckbrücke. Hinten ist eine Anhängekupplung montiert. Das ist lustig, aber nicht realistisch. Was hätte eine Isetta mit 12 (Standardmodell) oder 13 PS (Export-Modell) ziehen können? Ja, einen winzigen Caravan, und mit einem solchen wird sie heute gerne abgebildet, taucht auf Treffen auf, und BMW bestellte bei Minichamps die Isetta mit eiförmigem Wohnwagen. Das mag es gegeben haben, aber mit einem derartigen Anhängsel wäre das Gespann schon am kleinsten Hügel verhungert (bergauf) oder seine Bremsen wären überfordert gewesen (bergab). Über den Brenner nach bella Italia fuhr keine Isetta mit Wohnwagen.

So ganz all open ist die Isetta nicht.  Die kleine Klappe an der rechten Fahrzeugseite, die Zugang zum Motörchen gewährt, bleibt zu. Dafür ist der Fronteinstieg spektakulär: Die große Klappe, welche die komplette Front inklusive Scheibe beinhaltet, ist an außen liegenden Scharnieren links angeschlagen und öffnet im ungefähren Winkel von 45 Grad (etwas zu wenig unseres Erachtens). Da aber direkt hinter der Frontklappe das Lenkrad mit Lenksäule situiert ist und dem Einstieg der beiden Passagiere gewaltig im Weg wäre, konstruierte Iso (und übernahm BMW) eine Schwenkvorrichtung für die Lenksäule. Und Minichamps konstruierte auch eine, ganz dem Vorbild entsprechend. Innen ist die Isetta karg eingerichtet. Das geschlossene Stoffschiebedach ist ein extra eingesetztes Formteil, das eine geöffnete Version in Zukunft wahrscheinlich macht. Bis auf die Zierleiste an der Seitenscheibenunterkante sind alle Chromteile separat und somit verchromt, auch die Radkappen auf den stets elfenbeinfarbenen 10-Zoll-Felgen. Seitenblinker, Rücklichter und Kennzeichenbeleuchtung sind ebenfalls extra eingesetzt, die Kennzeichengrundplatte ist schwarz, leider kein Kennzeichen, sehr hübsch ist der verchromte, vordere „Isetta“-Schriftzug in geschwungener Schreibschrift.  Von unten ist das „Advents-Auto“ (wieder ein Spitzname, Anspielung auf das Kirchenlied „Macht hoch die Tür, das Tor macht weit“) sehr schön anzusehen. Ob der luftgekühlte Einzylinder-Viertakter nun ein separates Formteil oder Bestandteil der Bodenplatte ist, können wir nicht beurteilen, ohne das Modell zu demontieren. Aber er sieht ziemlich separat aus. Dann sieht der von der Technik begeistert-erstaunte Betrachter eine silberne Duplex-Rollenkette, also eine Gliederkette, welche die Kraft der 12 oder 13 Pferdchen auf die Starrachse überträgt. Wegen der schmalen hinteren Spur benötigt die Isetta kein Differenzial. Minichamps bildete den einfachen Rohrrahmen nach. Vorne hat die Isetta ein so genanntes Dubonnet-Knie (wie die Opel-Wagen der späten 30er Jahre). Das an einem Kurbelarm aufgehängte Vorderrad wirkt über einen knieförmigen Hebel auf die Feder-/Dämpfereinheit, wobei die Stahlfeder im ölgefüllten Dämpfergehäuse integriert ist. Diese komplette Einheit wird beim Lenken geschwenkt. Das Dubonnet-Knie stilisiert Minichamps nur, aber immerhin lenkt es beim Einschlagen mit. Für senkrechte Federbeine ist bei der Isetta kein Platz, weswegen der einzelne, hydraulische Teleskop-Stoßdämpfer fast waagerecht, also liegend, eingebaut ist. Ihn lackiert Minichamps in aufreizendem Rot.

Für den Fachhandel gibt es mittlerweile drei Varianten unterschiedlicher Lackierung, Korallenrot, das Dach in Sanddünenbeige, alternativ Azurblau mit lichtgrauem Dach. Die zweifarbige Tür trägt die Farbtrennung zwischen Ober- und Unterteil entlang der geprägten Sicke. Das ist symptomatisch für die Baujahre 1959 bis 1962. Die Innenausstattung ist bei beiden hellgrau, müsste aber blau beim blauen und rot beim roten Modell sein. Die dritte Variante ist einfarbig, ein Gelb mit hellgrauer Innenausstattung. Das soll wohl der Farbton Weißgold sein, ist dafür aber eindeutig zu gelb, müsste pastelliger sein.

Mit der Baujahresbezeichnung „1955“ liegt Minichamps falsch. Damals gab es die Export-Isetta noch gar nicht, sie erschien im Oktober 1956 als Modelljahr 1957 und zeichnet sich überdies durch jene Kühlschlitze auf der Motorklappe aus, welche das Minichamps-Modell stolz präsentiert. Minichamps macht also eine Isetta Export der Baujahre 1957 bis 1962 – und, noch genauer anhand der Farbabsetzung auf der Fronttüre, 1959 bis 1962. Das Autochen mit seinen vielen Spitznamen, das auch so viele Erinnerungen der älteren Generation an sich bindet, macht rundweg Spaß. Es ist hübsch gemacht, die schwenkbare Lenksäule ist ingeniös, zweifarbig wirkt die Isetta nichts als putzig. Wir halten die Minichamps-Neuentwicklung für deutlich besser getroffen und feiner detailliert als das alte Revell-Modell, 1996 erschienen. Das einzige, was der „Oldie“ der Neuerscheinung voraus hat: Die Motorklappe lässt sich beim Revell öffnen.

Der Putzometer findet Eingang in die Alltagssprache

Den Putzometer bemühen wir dennoch nicht, um damit nicht zu übertreiben. Aber eines wollen wir der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten. Unser Putzometer hat es immerhin geschafft, von der Künstlichen Intelligenz als standardisierter Begriff angesehen zu werden. Wir zitieren die KI (nachdem sie uns ja auch so oft zitiert): „Der Begriff wird scherzhaft in Fachmagazinen (wie dem Caramini-Magazin) als fiktiver Gradmesser für die „Putzigkeit“ bzw. Niedlichkeit von kleinen Modellautos verwendet.“ Darauf können wir doch stolz sein!

afs

In den 50ern aus der Not geboren und zum Kultmobil avanciert, als auch die 50er ein Kultjahrzehnt waren: Die BMW Isetta war dereinst ein Star, heute ist sie eher ein Sternchen. Aber sie leuchtet nach wie vor, und nun leuchtet sie auch im Minichamps-Kosmos. Die vordere Einstiegstüre mit der schwenkbaren Lenksäule ist genial nachgebildet.
Modellfotos: bat
Zeitgenössische Isetten gibt es viele, aber gar nicht so viele BMW Isetten. Die meisten sind französische Velam-Isetten. Hier nur die Münchner Interpretation en miniature: Die hinteren drei sind Variationen der Bandai-Isetta (Tropenversion, kenntlich an den zusätzlichen Kühlluftöffnungen in der Fronttüre): In der Mitte das Bandai-Original aus Blech, rechts die Kopie von Lincoln Toys, links diejenige eines unbekannten Herstellers, beide aus Hongkong und aus Plastik. Das große Modell davor in 1:17 stammt von Osul aus Portugal. Es wurde ewig lange produziert und ist einfach zu bekommen. Die 43er haben nordirischen Migrationshintergrund, sie kommen von Spot On, die zweifarbig lackierte Isetta in Bildmitte ist ein Weißmetall-Abguss der Spot-On-Isetta von MK Models aus den Niederlanden. Auch vorne stehen wieder Original und Kopie: Die kleine hellblaue Isetta ist ein Siku-Plastik-Modell und die gelbe ist ihre Kopie von Louis Marx aus Hongkong (Markenname: Elegant Miniatures).

Steckbrief:

Minichamps 24000 BMW Isetta Export 1957 blau/hellgrau, 24001 dito rot/hellbeige, 24002 dito gelb. Fertigmodelle Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP je 129,95 Euro.