Gemetzel im Dienste des Zieleinlaufs
Das Vorhaben hörte sich überschaubar an: ein Diorama, das den Zieleinlauf dreier Ferrari-Rennsportwagen beim 24-Stunden-Rennen von Daytona 1967 in 1:87 zeigt. Für einen engagierten Modellbauer und kompetenten Motorsporthistoriker wie Robert Müller, Firma AutoMobilia, eigentlich kein Problem. Doch was einfach begann, gestaltete sich mit zunehmendem Perfektionismus immer schwieriger. Eine launige Reportage von Robert Müller für und in Caramini-online.
Geplant war, mit den neuen Brekina-Ferrari ein kleines Diorama vom Zieleinlauf in Daytona 1967 zu machen. Nicht zuletzt durch den Beitrag von Hans-Jürgen Spychalla in Caramini-online vom 29. Januar 2026 hat es sich allerdings heftig in die Länge gezogen. Das Projekt wurde erheblich umfangreicher als ursprünglich geplant, ich musste schier über Leichen gehen. Aber der Reihe nach.
Los ging es schon damit, dass mich der Beitrag darüber aufklärte, dass der drittplatzierte Ferrari kein 330P ist, wie er von Brekina aufgelegt wurde, sondern ein 412P, wie ihn Wiking für das Nationale Automuseum Loh produziert hat. Für den normal rennsportbegeisterten Sammler ein zu vernachlässigendes Detail, da sich die Wagen sehr ähnlich sind, für einen aufs Detail bedachten Sammler hingegen nicht zu tolerieren. Unglücklicherweise verkauft das Museum die Modelle nur vor Ort. Also musste ich in den sauren Apfel beißen und zu meinen drei Brekina-Ferrari noch ein überteuertes 412er-Wiking-Modell auf eBay erwerben. Immerhin war es günstiger, als mal schnell noch Dietzhölztal-Ewersbach zu fahren, zumal ich dort erst vor gut einem Jahr war. In einer unserer vielen Fachkonversationen erwähnte Hans-Jürgen Spychalla dann noch ganz beiläufig, dass die Felgen auf den Brekina-Modellen auch nicht stimmen. Hatte ich selber noch gar nicht bemerkt. Aber bei genauer Betrachtung aller zwischenzeitlich recherchierten Fotos erkennt man sehr schnell, dass die beiden 330er (Brekina) auf den typischen fünfzackigen Campagnolo-Magnesiumrädern der Ferrari-Rennwagen der 60er und 70er Jahre unterwegs waren. Die des 412P (Wiking/Loh) stimmen, nur fehlt die Flügelmutter als separates Teil.
Anfänglich habe ich das Ganze noch abgetan mit der Überzeugung, so genau sieht man das ohnehin nicht, und das wissen sowieso nur die wenigen, absoluten Freaks. Aber es rumort halt. Und Ruhe findet man auch keine mehr. Soviel Aufwand für ein Diorama und dann die falschen Felgen? Wie ärgerlich, diese Mistfelgen! Ein paar Tage nichts daran gemacht, fast schon die Lust verloren. Aber jetzt liegen hier vier Ferrari-Modelle für ein Haufen Geld, das Diorama war auch schon geplant, es musste eine Entscheidung her.
Das Computer-Aided Design (CAD), also ein Programm für 3D-Modelle, angeworfen, nur mal gucken, wie viel Aufwand darinnen steckt, die richtigen Felgen zu konstruieren… Und dann hockt man da und macht und macht, und die Abende gehen ins Land. An Aufhören war längst nicht mehr zu denken, denn die Zeit, die hineingeflossen ist, war eigentlich schon viel zu viel. Die Felgen gingen ja noch, aber dann Dreifach-Flügelmuttern in 1:87 erst konstruieren, dann 3D-Drucken und dann mit Pinzette „handeln“ – das war schon eine Herausforderung! Letztlich ist das etwas geworden, und golden lackiert mit silbernen Flügelmuttern sehen die Felgen umwerfend aus.
Lichtschachtgitter mit Potenzial
Die Baulust war zurück, doch mit den Herausforderungen war es noch längst nicht zu Ende. Das Thema Felgen konnte ich beiseite legen und es ging erstmal zurück zum Diorama. Der Zieleinlauf auf dem Rennkurs in Daytona ist ja eine Steilwand. Welche Neigung hat die eigentlich? Keine Ahnung, aber heutzutage weiß man sich ja zu helfen. Die „Künstliche Intelligenz“ macht es möglich. Klare Frage an ChatGPT: „Welche Neigung hat die Strecke im Start-Ziel-Bereich des Motorspeedway in Daytona/Florida?“ Die ebenso klare Antwort, einen gefühlten halben Augenblick später: 18 Grad. Hoffentlich hat die KI recht, aber was soll’s! Eindeutig war die Antwort ja. Also Rampen konstruiert, welche die Fahrbahn auf die gewünschte Neigung bringen. Die Bande gleich mitkonstruiert und 3D-gedruckt. Kam schon ganz gut, aber irgendetwas fehlt. Genau, der Fangzaun entlang der Bande! Was nehmen, das dafür geeignet ist und die Maschenweite in etwa auf Halbnull verkleinert? Glücklicherweise ist man ja Sammler. Nein, nicht nur Modellautos. Alles, was irgendwie zum Wegwerfen zu schade ist. Vielleicht kann man‘s ja mal brauchen. So sich zugetragen mit den Lichtschachtabdeckungen unseres Hauses. Ein sehr engmaschiges Gittergeflecht aus Alu, um auf dringlichen Wunsch meiner lieben Frau Geziefer jeder Art soweit wie möglich aus dem Untergeschoss fernzuhalten. Der Erfolg war mittelmäßig, aber das Material ein Traum. Die Vorahnung war längst da. Irgendwann, ja irgendwann brauchste das! Und so fügte sich mal wieder ein kleines Stückchen Schicksal. Allein die Kettelung am Ende der Alufäden war genial. Bestimmt hatte der Konstrukteur der Lichtschachtgitter bei der Arbeit an den Daytona-Fangzaun gedacht. Da bin ich mir sicher.
Immer mehr Fotos werden recherchiert, immer tiefer taucht man ein. Immer tiefer. Plötzlich entdeckt man Dinge, die vorher einfach nicht da waren. Glaubt man. Da wirft doch glatt so ein unscheinbares Gestell seine langen Schatten in den späten Nachmittag. Ein Gestell, auf dem der Rennleiter förmlich über der Strecke schwebend seine Flaggensignale gibt, Start und Ziel und so. Eine horizontale Ampel meine ich auch zu erkennen. Und alle paar Meter waren auch noch Lautsprecher den Zuschauern zugewandt. Das alles sind nun keine unscheinbaren Details mehr, sondern wichtige Elemente, ohne die das Diorama niemals etwas Besonders sein wird. Und etwas besonderes sollte es jetzt ja schon werden. Also, „the same procedure“, CAD-Konstruktion, 3D-Druck, lackieren. Jetzt ist es auch schon wurscht. Jetzt muss ich da durch. Hätte das Ganze ja nicht tun müssen.
So, die Struktur war da. Wie bekomme ich da jetzt eine Fahrbahn hin, malträtiert durch eine 24-stündige Hetzjagd? Die einzige gute Möglichkeit, die ich sah, war, das Problem graphisch zu lösen. Schließlich waren auch abgefahrene Fahrbahnmarkierungen darzustellen und der „Daytona“-Schriftzug an der Bande war auch zwingend nötig. Als Print aus dem Farbdrucker kam das Ergebnis mehr als zufriedenstellend.
Köpfe mussten rollen
Zurück zu den Rennwagen. Die fahren ja in dem dargestellten Moment durchs Ziel. Sie fahren. Ohne Fahrer? Eher schwierig. Sind welche in den Modellen? Nein. Also, 3D-Modelle von Rennfahrern recherchiert. Die kann ich im CAD leider nicht selbst erstellen. Schließlich habe ich welche gefunden, deren Datensatz ich erwerben konnte. Blöderweise hatten die einen Integralhelm auf. Völlig anachronistisch für 1967. Aber bei den Recherchen fand ich auch eine schöne Figur von Steve McQueen. LeMans, der Film, Ihr wisst schon. Er, stehend, im Rennanzug mit Jet-Helm auf dem Kopf. Den habe ich mir natürlich auch gekauft. Was blieb mir nun anderes übrig, als drei Integralhelm-Piloten und zusätzlich drei McQueens zu drucken? Danach mussten Köpfe rollen! Sechsmal Köpfe runter und einmal durchtauschen, das war die Aufgabe. Jeder Humanist bekommt das kalte Grausen, aber der Modellbauer eines Daytona-Dioramas kennt keinerlei Gnade. In H0 ist die Sache natürlich nicht ganz ohne, aber es hat auch ohne Guillotine in 1:87 funktioniert. Päpstlicher als der Papst bin ich dann auch nicht: In den Autos sitzen jetzt nicht Bandini, Parkes und Rodriguez, sondern dreimal der gleiche Hollywood-Schauspieler! Gottseidank ist es nicht zu erkennen. Die unterschiedlichen Helme aber vielleicht schon. Und so sind wir schon beim nächsten Problemchen.
Wer ist denn da eigentlich den letzten Stint gefahren? Waren es wirklich Bandini, Parkes und Rodriguez, oder Amon, Scarfiotti und Guichet? Oder… Dreimal drei Möglichkeiten hätten wir da zur Auswahl. Jetzt wird’s schwierig. Einen Rennbericht eines Augenzeugen konnte ich recherchieren, aber leider ohne die gesuchten Informationen. Also blieb wieder einmal nur noch die KI. Aber diesmal habe ich sie in die Enge getrieben. Von wegen nach einem halben Augenblick gibt es eine verbindliche Antwort! Beim Siegerauto scheint die Sache klar. Der Bandini war’s. Das hatte ich vorher auch schon gewusst. Beim Zweit- und Drittplatzierten wird’s dann plötzlich etwas holpriger. Es wäre schwierig zu sagen und die Quellenlage sei nicht eindeutig, versucht sich die KI herauszuwinden. Aber ich bohre nach und lasse nicht locker. Ich habe den Chat gespeichert. 14 Seiten sind es geworden! Bin froh, dass die „Intelligenz“ künstlich ist. Jede andere hätte ich zu Tode genervt. Ergebnis: Nichts Genaues weiß man nicht. Ha! Die allwissende KI am Anschlag! Ich hab‘s geschafft! Von wegen KI weiß alles. Vielleicht alles Andere, aber nicht, wer als Zweiter und Dritter am 5. Februar 1967 in Daytona über die Ziellinie gefahren ist! Im beiderseitigen Einverständnis haben wir das Gespräch beendet, nachdem als letzte Empfehlung kam, ich möge mich doch an das Archiv von Ferrari in Maranello wenden. Die nerve ich jetzt lieber mal nicht. Wer weiß, wofür man die nochmal braucht.
Eine Entscheidung musste her, denn es ging ja um die grafische Gestaltung der Helme. Bandini war klar, also weißer Helm, untenherum rot abgesetzt. Bei den anderen beiden Wagen habe ich mich auch für die Hauptfahrer entschieden. Die drei Ferrari führten das Rennen mit eindrucksvollem Abstand, sodass es ohne weiteres möglich war, den Zieleinlauf diesen Fahrern zu ermöglichen. Also zweiter Platz Mike Parkes, weißer Helm, unten schwarz abgesetzt, und dritter Platz Pedro Rodriguez mit silberfarbenem Helm. Rote Sitze mussten noch in die Brekina-Ferrari hineinlackiert werden, bevor die drei Herren mit viel Gefummel in die engen Cockpits gezwängt wurden. Von einer Frau ohne Unterleib hat der feministisch bewanderte Literat vielleicht schon gehört. Nun gibt es auch Rennfahrer ohne selbigen.
Der Armbruch fiel nach sechsfacher Enthauptung leicht
So, dann standen sie da, die drei Roten, blitzeblank wie aus der Fabrik. Nach einer 24-stündigen Hetzjagd? Unmöglich! Wer einmal zum Beispiel einen echten Le-Mans-Siegerwagen gesehen hat, dessen finstere Patina aus Steinschlägen, Altöl, Reifenabrieb und Insektenleichen wie ein heiliger Grahl gehütet wird, weiß, wie so etwas aussehen muss. Und ist es schon brenzlig genug, diese schönen Modelle nun absichtlich zu versauen (man hat nur eine Chance), so musste ja bei der Startnummer 26, also am Wiking/Loh 412er, noch der Schaden an linkem Scheinwerfer und linkem Frontspoiler sachgerecht dargestellt werden.
Was fehlte jetzt noch? Klar, der Rennleiter, der dieses automobilhistorische Ereignis sachgerecht beendet. Eine Flagge schwenkenden Rennleiter habe ich nicht gefunden, aber in einer kürzlich angebotenen Brekina-Rennsport-Packung mit Ferrari-Wagen und Schlachtenbummlern war eine Figur mit wehender Ferrari-Fahne. Die musste dran glauben. Ich habe dem Männeken nur mehrfach den Arm brechen müssen, damit die Flagge nicht nach oben, sondern nach unten zeigt. Das Gemetzel fiel mir nach der sechsfachen Hinrichtung der Fahrer nun schon nicht mehr so schwer, und das Menschenrecht auf Unversehrtheit muss hier einfach mal für ein höheres Ziel ausgesetzt werden. Schnell noch in einen weißen Overall gepinselt, Decals für die schwarz-weiß karierte Zielflagge erstellt und ab mit dem Kameraden auf das Startergestell. Das Zielfoto konnte gemacht werden.
Zielfoto? Hoppla, wo ist der Fotograf? Jetzt bloß keine Panik, habe natürlich alles im Griff und auch noch eine kniende Figur mit Kamera im Anschlag gefunden. Bin allerdings noch am Recherchieren, ob es eine Leica oder Rolleiflex war. Vielleicht frag’ ich mal die KI…
Robert Müller




Modellfotos: Robert Müller



Foto: Archiv Ferrari

Foto: Archiv Porsche