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News 1:18 MCG Opel Rekord C ‚Schwarze Witwe‘ Zolder 1968

Witwentröster

Die Schwarze Witwe ist ein Mythos. So heißt ein in Guerilla-Manier entstandener, tiefschwarzer Opel Rekord C als Rundstreckenrenner aus den späten 60ern. Nach dem Resine-Achtzehner von BoS von vor neun Jahren ist nun ein Diecast-Achtzehner in sealed-Bauweise von MCG erschienen.

Nach Witwe Bolte aus Wilhelm Busch dürfte die Schwarze Witwe von Opel wohl die bekannteste Witwe im deutschsprachigen Kulturkreis sein. Das Auto selbst war zu seiner Lebtag schon ein Mythos, und in den vergangenen neun Jahren hielt es maßstabsübergreifend Einzug in die Sammlervitrinen. Diese Witwen-Präsenz mag damit zusammenhängen, dass das Einzelstück, das nur drei Mal auf der Rennstrecke einen Auftritt erlebte, von Opel-Classic rekonstruiert wurde und dadurch recht viel mediale Aufmerksamkeit erfuhr. Anfang 2017 lancierte die damalige Model-Car-World-Resinemarke BoS eine Schwarze Witwe in 1:18, dann folgte Minichamps 2018 mit drei 1:43-Resine-Witwen in den Livrées der drei Auftritte (Hockenheim und Zolder 1968, Tulln 1969). Und nun erneut eine Model-Car-World-Marke, MCG, nunmehr 1:18-Diecast-sealed mit der 1968er Zolder-Version. Naheliegend ist natürlich, dass das Modell in künftigen Auflagen den beiden anderen Rennsportereignissen entsprechen wird.

Der Rekord C erschien im Kontext mit dem Commodore A von MCG, den es zivil und in diversen Rallyevarianten gibt. Der sportliche, schwarze Rekord ist eine logische Ableitung davon und mit überschaubarem konstruktivem Aufwand machbar gewesen. Die Form ist prima getroffen. Am Rekord C haben sich schon so manche die Zähne ausgebissen. Vor allem der richtige Bogen im Übergang zwischen C-Säule zu Kofferraum in Verbindung mit dem Hüftschwung scheint schwierig zu sein. Auch das seinerzeitige Minichamps-1:18-Resine-Modell (ziviler Rekord C, keine Witwe) hatte genau hier seinen Schwachpunkt. Nicht der MCG-Rekord. MCG zeigte sich im Großen wie in den Details treffsicher, und ganz klasse sind die zweifarben gelb und schwarz lackierten, tief geschüsselten Stahlfelgen mit ihren vier Bolzen. Das Chassis ist eben ein solches, immerhin mit Sidepipe, der aber an der Unterseite im Nichts mündet. Der Wagen ist nichts als schwarz, inklusive Stoßstangen und Kühlergrill, auch das ausgeräumte und mit Überrollbügel versehene Interieur, aufgelockert durch die spärliche, gelbe Dekoration. Aber genau das machte das Original ja so besonders.

In Guerilla-Manier entstanden

Denn dieses Auto ist ein richtiggehendes Phantom. Die Schwarze Witwe, der Opel Rekord C im Motorsport-Trimm, entstand im Verborgenen, war plötzlich auf der Piste und begeisterte die Zuschauer. Dann war er ebenso plötzlich spurlos verschwunden. Und aus dem Nichts baute die Opel-Classic-Abteilung ihn nach.

Die Schwarze Witwe ist ein Kind Anatole Lapines, den eigentlich kaum jemand mit Opel in Verbindung bringt. Er war 1965 als Designer von GM an den Main entsandt worden, wo er vier Jahre lang als Chef der Forschungsabteilung wirkte. Danach ging er als Chefdesigner zu Porsche und wurde durch diese Position weltbekannt. In seiner Rüsselsheimer Zeit zwischen 1965 und 1969 widersetzte sich Lapine (1930-2012) zusammen mit einigen motorsportbegeisterten Entwicklungs-Ingenieuren der GM-Doktrin, die Motorsport verboten hatte.

Auf Basis eines zweitürigen Rekord C war Lapine in Guerilla-Manier in einem Rüsselsheimer Keller an der Konstruktion eines Renntourenwagens beteiligt und bewies sich nicht nur als genialer Zeichner (was seinem Beruf entspricht), sondern auch als ebensolcher Techniker. Aus dem 1900er-Motor zauberte die Keller-Crew ein rennfähiges Triebwerk mit scharfer Nockenwelle, höherer Verdichtung, geänderten Kolben und strömungsgünstigeren Kanälen. Dazu eine Weber-Doppelvergaseranlage, neuer Fächerkrümmer und Sidepipe-Auspuffanlage; aus dem 90-PS-Triebwerk wurde ein 175-PS-Rennmotor, der seine Kraft auf eine rundum überarbeitete Hinterachse brachte. Manche Insider berichten, Lapine habe neben der Lackierung „nur“ die Hinterachse modifiziert, der Motor hingegen sei bei GM Nordiska unter der Leitung von Ragnar Eklund entstanden, dem Chef des Rennteams der schwedischen Opel-Händlervereinigung (die sich schon zuvor dem GM-Rennverbot widersetzt hatte). Eklund verbaute nach dieser These einen besonderen Zylinderkopf (den so genannten Schwedenkopf) und der Motor hatte ein spezielles Ansaugsystem. Wieder andere Gerüchte sprechen von einem Kompressor. Man weiß es nicht. Das Original ist ja verschollen. Und ebenso unklar ist, auf welchem technischen Stand die Witwe war, als sie in Deutschland startete und was mit ihr später in Österreich geschah.

Lapine kam aus den USA, und insgesamt ist die Schwarze Witwe auch ziemlich „amerikanisch konstruiert“. Europäische Renntourenwagen waren damals eher Bastlerautos, hatten eine Straßenzulassung. Die Schwarze Witwe hingegen gab sich in jeder Hinsicht hochprofessionell. So Dinge wie der Mattig-Überrollkäfig, der frei liegende Schnelltankverschluss oder die tief geschüsselten Stahlfelgen (nach innen verbreiterte Original-Stahlfelgen, hinten breiter als vorne) mit den breitest möglichen Reifen waren typisch NASCAR.

Interessant die Lackierung, und hier kam in Lapine der Künstler durch: tiefschwarz hochglänzend und sehr sparsam gelb dekoriert mit dem Opel-Signet im Stile der 20er Jahre, eine Reminiszenz an den berühmten Opel Raketenwagen von 1928. Auch die Startnummern waren entsprechend gelb gestaltet. Das Lenkrad hatte einen prominenten Vorbesitzer: Es wurde dem Opel Experimental-GT entnommen, der 1965 auf der IAA gestanden hatte.

Der Spitzname auf der Piste war „Schwarze Witwe“. Und seine Rennkarriere verlief auch ein wenig traurig. Trotz (nachmals) namhaften Fahrern, nämlich Erich Bitter und einem sehr jungen Niki Lauda, gewann der Opel kein Rennen. Er röhrte und grölte 1967/68 mit Erich Bitter am Steuer auf dem Hockenheimring (#  610) und in Zolder (# 201), er begeisterte die Zuschauer. Denn so sah damals kein Renntourenwagen aus. Und einen Opel Rekord C erwartete ohnehin niemand auf der Piste. Das Publikum tobte. Denn mit einem Rekord C konnte sich jeder identifizieren. Da Opel nichts wissen durfte, war auch nichts homologiert, und bei Rennen wurde das Unikat als Gruppe-5-Prototyp gemeldet. Natürlich bekam die Opel-Führung Wind von der Sache, distanzierte sich vom Rennsport und sehr schnell auch vom Auto. Der Rekord wurde an den Wiener Opel-Händler Bergmann verkauft (oder gar verschenkt, nur weg damit!), der einen Rennstall namens Kaiman unterhielt. Unter österreichischer Flagge und mit Lauda am Steuer hatte die Schwarze Witwe noch einen Auftritt 1969 beim Flugplatzrennen in Tulln (# 17). Danach ward sie nie mehr gesehen, angeblich gestohlen im Jahre 1970 von Bergmanns Firmenhof.

Viele Jahre später entschlossen sich die Opel-Classic-Mitarbeiter Jens Cooper und Michael Spieth, die Schwarze Witwe auferstehen zu lassen. Der Kontakt zum 2012 kurz vor der Fertigstellung des Projekts verstorbenen Anatole Lapine half bei technischen Fragen, insbesondere seine Hinterachskonstruktion betreffend. Ursprünglich eine Starrachse mit Panhardstab, bei der Witwe mit stabilen eingeschweißten Querträgern statt Panhardstab sowie einer Kreuzkonstruktion mit spielfreien Unibal-Gelenken für eine extrem steife Radführung. Überliefert ist, dass die Opel-Classic-Mitarbeiter Lapine im Baden-Badener Altenheim besuchten, wo er für sie auf die Rückseite einer Speisekarte von „Essen auf Rädern“ die Hinterachskonstruktion zeichnete. Die Replika wurde ohne Rücksicht auf Aufwand erstellt, sogar 200 PS stark, röhrend und brüllend.

afs

Ein Phantom auf Rädern: Zwar physisch greifbar, aber stets etwas geheimnisumwittert war die Schwarze Witwe zu ihrer aktiven Zeit. MCG traf die Rekord-C-Form bestens und arbeitete die Witwen-Details schön heraus. Nur die im Nichts mündende Sidepipe ist ein wenig nonchalant.
Modellfotos: bat
Erich Bitter in der Schwarzen Witwe beim Saisonfinale auf dem Hockenheimring 1968, wo er, wie man sagt, teilweise bessere Rundenzeiten hinlegte als Porsche und BMW.
Foto: Archiv Opel
Der Mann hinter dem Design und der Hinterachse: Anatole Lapine, aufgenommen am 1. Juni 1969 beim 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring. Die Bezeichnung „Schwarze Witwe“ ist, der Legende nach, eine Schöpfung Lapines.
Foto: Archiv Porsche

Steckbrief:

MCG 18560 Opel Rekord C ‚Schwarze Witwe‘ Zolder 1968 schwarz. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 69,95 Euro.