Mit Geodreieck und Lineal
Damals keinen AUTOart ergattert und heute ist er zu teuer? Chronische Resine-Aversion und deshalb Otto-Verweigerer? Bei Norev werden Sie geholfen! Im Modelissimo-Auftrag entwickelte Norev einen Volvo 850 T-5R Kombi, ganz fein, all open und in den beiden ikonischen Farben lackiert.
Jan Wilsgaard liebte das Geodreieck und das Lineal. Seine wichtigsten Arbeitsmittel! Einen Zirkel verwendete der Volvo-Chefdesigner nur für die Radausschnitte – gezwungenermaßen. Wahrscheinlich hätte er auch sie gerne eckig gezeichnet, aber das widersprach ganz einfach dem Massengeschmack. Man kann über das Design der „swedish Bricks“, also der „schwedischen Ziegelsteine“, durchaus debattieren. Aber nicht wegzudiskutieren ist eines, und das haben wir schon im Matheunterricht der Unterstufe gelernt: Das größtmögliche Ladevolumen hat ein Kombi, dessen hinterer Bereich rechtwinklig, also kubisch gestaltet ist. Da mögen schräg abfallende Kombihecks noch so elegant aussehen und noch so viel coupéhafte Noblesse versprühen. Aber wenn die Kommode deswegen nicht hineinpasst, verflucht auch der größte Ästhet die Kapriolen des Karosseriedesigners. In einen Volvo Kombi passt die Kommode rein, in ein Mercedes T-Modell oder einen BMW Touring nicht.
Es ist das Verdienst von Ford-Köln, dem großen Kombi Turnschuhe angezogen zu haben. Im fernen Jahr 1975 verpasst der sportbegeisterte Ford-Chef Robert A. Lutz dem Granada Turnier das S-Fahrwerk mit Gasdruckstoßdämpfern, Alufelgen und sportlichen Accessoires. Als drei Jahre später Daimler-Benz den Mercedes für kombitauglich erklärte und kurz darauf AMG-Versionen aus dem 280 E ein 200- bis 240-PS-Fahrzeug machte, war das Eis gebrochen und der Kombi emanzipierte sich auch in Europa vom reinen Nutzfahrzeugimage. Danach ging es Schlag auf Schlag und sportliche Kombis waren plötzlich Lifestyle-Vehikel und nicht mehr nur Familien- oder Handwerkerfahrzeuge. Volvo schaffte es, den Sportkombi sogar auf die Rennstrecke zu bringen, wenngleich nur eine Saison lang (englische Tourenwagenmeisterschaft 1994). Was ist dagegen schon der BMW M3 Touring bei den 24 Stunden auf dem Nürburgring 2026! Aus einem Aprilscherz geboren…
Den 850 T-5R (gebaut zwischen August 1994 und Dezember 1996) offerierte Volvo auch als Kombi, respektable 241 PS stark, dank Overboost kurzfristig sogar 256 (30 Sekunden lang höherer Ladedruck um 0,1 bar). Er wurde durch den Rennkombi promoted. Unterm Strich war Volvo zwar bei der englischen Tourenwagenmeisterschaft ganz hinten, aber in den Medien ganz vorne: Der Rennkombi war der Sympathieträger schlechthin. Und der erste Frontantriebs-Volvo war auch ein innovatives Auto mit seinem quer eingebauten Fünfzylindermotor und Gurten, die sich automatisch der Körpergröße des Fahrers anpassten, dazu Seitenaufprallschutz. Seine vertikalen Heckleuchten („Hasenohren“) sind stilbildend für alle großen Volvo Kombis bis heute. Der 850 war die letzte Schöpfung von Jan Wilsgaard vor der Rente. Der T5-R war eine Sonderserie mit 17-Zoll-Titan-Alus, innen eine Leder/Alcantara-Kombination, spezielle Frontschürze, Heckflügel (beim Kombi optional). Drei Farben, Merkuriusgelb 607, Black Stone 019 und Dark Olive Pearl 421. Erst später, als aus der Sonderserie 850 T-5R das Serienmodell 850 R wurde, konnte der Kunde aus der erweiterten Volvo-Farbpalette wählen.
Vor rund 15 Jahren machte AUTOart den 850 T-5R, ausschließlich in Gelb, ein phantastisches und heute hoch begehrtes und hochpreisiges Modell. Zehn Jahre später brachte Ottomobile den 850 T-5R Kombi als Resine-Modell, ebenfalls in Gelb (OT310), zusätzlich in Dunkelgrünmetallic (OT928). Und nun Norev. Die Initiative geht auf den Großhändler Modelissimo zurück, der die ersten beiden Farben exklusiv und auf 1000 Exemplare limitiert erhält (Gelb und Schwarz). Natürlich wird auch eine Version in Dunkelgrünmetallic erscheinen, dann als unlimitiertes Fachhandelsmodell von Norev, Erscheinungsdatum unbekannt. Um nur drei Farben zu bringen, sind die Formwerkzeuge eines all-open-Modells zu teuer. Es ist also logisch und konsequent, dass Norev das Modell später als 850 R Kombi der Modelljahre 1996/97 in weiteren Farben auf den Markt bringen wird: Realistisch sind die Unitöne Bright Resd 609 („T-Röd“) sowie die Metallicfarben Dark Olive Pearl 421, Black Stone 019, Dark Grey Pearl 327 und Turquoise Pearl 422. Dann kann Norev sogar die Felgenfarben variieren (silbern oder anthrazit) und den Innenraum (Ljus Beige oder Mörk Grå).
Für Modelissimo werden die Power-Volvo also in Schwarz und blassem Gelb produziert. Am Gelben sind alle mattschwarzen Applikationen bestens zu sehen, die schwarze Innenausstattung passt gut dazu. Der Schwarze ist nichts als schwarz, innen und außen, und wirkt dadurch ziemlich böse. Die Außenspiegelgehäuse sind bei beiden Modellen in unlackiertem, schwarzen Kunststoff, müssten aber in Wagenfarbe gehalten sein. Beim Schwarzen fällt das nicht auf, beim Gelben hingegen durchaus. Diesen Lapsus wird Norev beim nachgeschobenen Dunkelgrünen korrigieren.
Einen sehr schönen Volvo hat Norev da geschaffen, und Product Manager Ben Schumacher verwendete erwiesenermaßen mehr Hilfsmittel als Geodreieck und Lineal. Das Modell kann, was der Sammler erwartet; es lenkt, es rollt, alles geht auf. Federn kann es nicht.
Auch die Ausstattung entspricht den Wünschen, Teppichboden innen und hinten, dazu wohl proportioniertes und profiliertes Geläuf, jedoch ohne Reifenflankenbeschriftungen, gut sichtbare Plastikbremsscheiben, die Titan-Alus mit einem angegossenen Ventil und bedruckter Nabe, schön glänzende Schwellerblenden mit „850“-Schriftzug, die Heckschriftzüge sind Decals, Farbe im wohl geratenen Motorraum, dessen Herz recht viel Tiefe aufweist und alles andere als platt wirkt. Norev versteht es mittlerweile wirklich, aus einer „Motorplatte“ das Beste herauszuholen. Der quer eingebaute Reihen-Fünfer ist silbern und beschriftet („Volvo 20 Valve“), Turbo-Ansaugrohr und Intercooler-Verrohrung sind sichtbar, auch Bremskraftverstärker, Hauptbremszylinder, Bremsflüssigkeitsbehälter (farblich hervorgehoben, mattweiß). Auffällig an der Spritzwand ist ein silbernes Geflecht, die Hitzeschutz-Isolierung des Turboladers. Im rabenschwarzen Innenraum sehen wir Gurte mit glänzenden Schnallen, Armaturen hinter Glas (das ist ein wahrhaft hübscher Gimmick, von Norev mittlerweile häufig zelebriert), ein wenig Holz am Armaturenbrett. Die Antenne auf dem Dach: Das ist keine Radioantenne, denn der Kombi trägt eine unsichtbare Scheibenantenne in der linken, hinteren Seitenscheibe. Das muss also eine Nachrüstung sein, beispielsweise für GPS oder Mobilfunk, also etwas Individuelles. Die „Hasenohren“ sind prima gelungen, grundsätzlich rot mit orangefarbener Blinkersektion und weißem Glas für das Rückfahrlicht. Die kleinen Seitenblinker in den vorderen Kotflügeln sind ein separates Teil, ebenso wie die runden Nebelscheinwerfer. Und natürlich trägt das Modell nicht nur drei, sondern fünf Scheibenwischer, nämlich auch je einen pro Scheinwerfer.
Dieser Volvo ist als Modell eine Melange aus Nischenprodukt und Herzenswunsch. Der macht garantiert vielen Sammlern Freude, nicht nur in Deutschland. Ganz besonders da oben, im Land der Elche, des Midsommar, der Zimtschnecken und des Smörgåsbord. Da muss Modelissimo sicherlich viele Pakete schnüren und nach Norden schicken. Das Porto macht den Volvo für die Schweden dann immerhin 15,50 Euro teurer.
afs







Modellfotos: bat

Steckbrief:
Norev 188760 Volvo 850 T-5R Kombi 1994 schwarz und 188751 dito Merkuriusgelb. Fertigmodelle Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. Auflage je 1000 Exemplare für Modelissimo. UVP je 99,95 Euro.