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Sammeln: Plastikautos in Siku-Machart, nicht aus Lüdenscheid

Im Schatten des Siku-Trends: Plastikautos von Manurba und Roco

Autotransport durch den Gotthard-Tunnel im Jahre 1959 mit zwei Protagonisten, die es auch von Manurba gibt: hinten die Isabella, vorne der Ford P2 als zweifarbiges Standardmodell in der seltenen Version, die nur ein halbes Jahr lang produziert wurde. Danach bekam der Standard-Ford dieselbe Frontgestaltung wie sein Deluxe-Pendant.
Foto: Archiv afs

Jenseits von Lüdenscheid: Plastikautos in Siku-Machart müssen nicht von Siku selbst stammen. In Österreich wurden sie schamlos kopiert, im Frankenland entstand eine Serie, die den Siku-Plastik-Modellen sehr ähnlich ist. Für Siku-Plastik-Sammler sind die Roco- und Manurba-Modelle ein interessanter Nebenschauplatz.

Siku zu sammeln liegt voll im Trend. Die Preise für antiquarische Modelle schießen durch die Decke, alte Sikus sind begehrt und teuer geworden. Siku-Plastik war schon immer gesucht, nicht zuletzt wegen des ungemein charmanten Zubehörs, das in Vitrinen richtige Miniaturwelten zustande kommen ließ. Seit einiger Zeit ist die V-Serie in den Fokus gerückt, die frühen Zinkdruckgussmodelle ab 1963. Sie werden von jenen Sammlern nunmehr gekauft, die mit der Plastikserie komplett sind und eine neue Herausforderung suchen. Gleichsam interessieren sich zunehmend Wiking-Sammler für Siku, seitdem beide Firmen unter einem Dach sind. Die Siku-Ausstellungen im Lüdenscheider Werksmuseum gehen eben auch an Wiking-Sammlern nicht spurlos vorüber.

Siku-Modelle, ebenso Plastik wie frühe Metallmodelle, gibt es auch als Ephemera, gleichsam als Auslands- oder Lizenzprodukte wie als unautorisierte Kopien. Exotische Modelle, die das Salz in der Suppe sind: Aus originalen Siku-Werkzeugen kommen sie aus Polen (Libella), aus Brasilien (Rei), Ungarn (Metchy) oder dem Iran (Minicar), Kopien beispielsweise aus Portugal von Ribeirinho, aus Mexiko von Juguetimundo oder aus Hongkong von Elegant Miniatures.

Zwei eigenständige Serien in Siku-Machart

Und dann gibt es zwei von Siku-Plastik inspirierte Serien von Roco aus Österreich und von Manurba aus Bamberg, eine überschaubare Anzahl an Modellen, ein schönes, kleines Nischensammelgebiet. Oftmals werden diese jeweils ungemarkten Miniaturen von wissenden oder unwissenden Ebay-Anbietern als Siku deklariert. Es mag der Wunsch nach Gewinnmaximierung dahinter stecken. Jedenfalls werden Siku-Sammler so auf diese Modelle aufmerksam. Die Roco-Serie besteht aus vier Modellen, die eindeutig von Siku-Plastik abgekupfert sind, die Manurba-Serie aus sechs, die sich an Siku-Plastik orientieren, ohne Kopien zu sein und teilweise Vorbilder beinhaltet, die im Siku-Programm keine Entsprechung finden.

Reine Kopien: Die Roco-Modelle des Herrn Rössler

Roco, längst seriös und etabliert, begann seine Karriere 1960 als „Plagiatus“. Vor Heinz Rösslers Lust zu kopieren war nahezu nichts sicher, auch Wiking und Siku nicht. Vier Siku-Modelle fielen ihm zum Opfer, Ford Taunus 17m P2 Turnier 1957, Ford (USA) Edsel Citation 1958, Opel Kapitän P2,6 1959 und DKW Junior Deluxe 1960, und Rössler versuchte nicht mal, durch kleine Abänderungen zu verbergen, dass er kopierte. Vielmehr nutze er aus, im Ausland (Salzburg) zu sitzen, was es den hiesigen Herstellern ungemein schwer machte, gegen ihn vorzugehen. Die vier Siku-Plagiate verkaufte Roco einzeln und als Set, Billigspielzeug im Spielzeughandel und auf Volksfesten/Kirmesveranstaltungen. Das Set mir vier bunten Miniaturen ist nicht selten, zumal in den 90er Jahren riesige Restbestände aufgetaucht sind, die damals auf Börsen verschleudert wurden. Anfang der 90er war es üblich, das Set für 15 D-Mark zu kaufen. Diese Zeiten sind zwar längst vorbei, das Preisniveau stieg, aber die große Menge an vorhandenen Sets hat sich seither nicht verändert. Generell gilt, dass Roco-Miniaturen aus früheren Jahren in dezenteren und pastelligeren Kunststofffarben gefertigt wurden, je jünger, desto knalliger, und das erwähnte Set dürfte aus späten Zeiten stammen, wohl aus den 70ern. Diesen spät produzierten Modellen sieht man an, dass die Formwerkzeuge verbraucht und ausgelaugt sind. Sie haben übermäßige Gussgrate, die Passgenauigkeit leidet, sie wirken schlichtweg unschön. Ganz selten sind schwarze Modelle. Bis zum Erwerb seines schwarzen Taunus Turnier wusste der Autor gar nicht, dass es schwarze Rocos aus dieser Serie gibt.

Spannend, seltener und teurer sind Werbemodelle auf Basis dieser Roco-Miniaturen, von Rössler für diverse, meist österreichische Firmen gefertigt. Er gestaltete den Formenbau so, dass es dank Formschiebern möglich war, erhabene Gravuren unterschiedlicher Art in die Karosserien einzusetzen. So gab es beispielsweise auf dem Dach des Ford Taunus 17m Turnier Werbegravuren, auch auf dem Kofferraumdeckel des Opel Kapitän. Gravierte Werbeschriften trugen Modelle, die beispielsweise für Reindorf Kaffee oder Korona (ein Kaffee-Ersatz) warben. Es gab auch einfachere Werbemodelle, die lediglich mit einem Papieraufkleber auf das zu bewerbende Produkt aufmerksam machten (zum Beispiel Clio-Brausepulver).

Roco-Modelle sind nicht gemarkt, Siku-Modelle schon. Die Roco-Farben entsprechen nie den Siku-Farben, der Roco Edsel verfügt über eine einteilige Karosserie, der Siku-Edsel hat das Dach und die Zier am hinteren Seitenteil als separate Formteile, ist somit stets zweifarbig. Siku-Miniaturen verfügen über typspezifische Felgen, die Rocos über genormte, zumeist weiße Räder. Eigentlich sollte eine Verwechslung zwischen Siku und Roco ausgeschlossen sein.

Werber und Nicht-Werber von Roco: Taunus 17m Kombi (er hieß damals noch nicht Turnier) als normale Spielzeugautos und als Werbemodelle, entweder mit Dachgravur (schwarz, rot, mittelblau) oder mit simplem Aufkleber (froschgrün).
Modellfotos: bat
Der mächtige Ford Edsel: Siku betrieb konstruktiven Aufwand mit einer dreiteiligen und dadurch zweifach abgesetzten Zweifarbkarosserie, Roco erledigte seine Kopieraufgabe mit einer einteiligen Karosserie.
Eine hundertprozentige Kopie des Siku-Modells (links) ist die Roco-Interpretation des Ford P2 Kombi. Sogar den Siku-Fehler der etwas zu weit hinten situierten Hinterachse übernahm Heinz Rössler.
Zwei DKW Junior von Roco, der linke mit „Korona“-Gravur auf dem Kofferraumdeckel.
Wie beim Ford Kombi auch hier beim DKW: Roco (rechts) kopierte das Siku-Modell exakt und frei von jeglicher Scham.
Opel Kapitän P2,6 von 1959 von Roco, der pastellgrüne mit „Korona“-Gravur auf dem Kofferraumdeckel. Am Blauen, einer späten Produktion, sind die Gussgrate der ausgelutschten Formwerkzeuge schön zu sehen.
Die Roco-Sets aus der Spätzeit, aus den 70er Jahren, als „Verkehrsset“ vermarktet. Diese Sets tauchten in den frühen 90ern zu Hauf auf Börsen auf und wurden dort nahezu verschleudert.

Eigenständige Schöpfungen: Die Manurba-Modelle des Herrn Urban

Einige, nicht alle, fanden eine Vorbildentsprechung in der Siku-Plastik-Serie (Ford P2, Isabella Limousine, BMW, Mercedes 190 SL), aber es sind keine Kopien, sondern schöpferische und formenbauerische Eigenleistungen. Das Isabella Coupé oder gar Coupé-Cabriolet findet keine Parallele bei Siku. Den Kapitän bildet Manurba in der 1956er Version nach, das Siku-Modell entspricht dem ’54er. Die Gemeinsamkeit der Manurba-Modelle mit der Siku-Plastik-Serie besteht also nur im Maßstab, im Werkstoff Plastik und in der Machart, teilweise in der Vorbildwahl. Die beiden Cabriolets (Isabella und 190 SL) sind anfälliger als die geschlossenen Fahrzeuge. Denn ihre frei stehenden Scheibenrahmen sind fragil, zudem werden sie nicht durch transparente Scheibeneinsätze stabilisiert, während die geschlossenen Manurba-Modelle über Verglasung verfügen. Die vorherrschende Farbe ist bunt, wie bei den Roco-Modellen. Und auch hier gilt: Schwarze Modelle sind selten. Und Weiße gibt es ebenfalls, auch selten. Die Räder: genormte Rad-Achsen-Einheiten aus Plastik, meist in dunklem Grauschwarz oder weiß, selten farbig, manchmal auch marmoriert.

Die Manurba-Modelle waren typische Kirmes- und Wundertütenware. Sie wurden auch gerne von den einschlägigen Fahrschulausstattern (v.a. dem Heinrich-Vogel-Verlag in München) erworben, an der Bodenplatte mit Magneten versehen und waren Bestandteil der Fahrschulkästen mit Ausstattungsmaterial für die Magnettafeln im Unterrichtsraum. Auch Werbemodelle sind bekannt, sowohl mit Prägung (Titze, Morli, Korona) als auch mit Papieraufklebern oder Nassschiebebildern (beispielsweise Formtreu-Bekleidung).

Wie für Roco, so gilt auch für Manurba: Die Modelle sind, im Gegensatz zu Siku, nicht gemarkt und tragen genormte, einteilige Rad-Achs-Kombinationen. Eine größere Ähnlichkeit zwischen Siku und Manurba besteht nur bei der Borgward Isabella Limousine und dem BMW 501. Die anderen unterscheiden sich signifikant. So ist die Karosserie des Siku Ford P2 zweiteilig und somit zweifarbig ausgeführt und gibt das Vorbildbaujahr 1959/60 wider, der Manurba 17m, ebenfalls ein Standard-Taunus, ist älter, Vorbildbaujahr September 1957 bis Februar 1958, charakterisiert durch die Frontgestaltung mit vier Querstreben im unteren Bereich, darüber vier ovale Löcher. Der Unterschied zwischen beiden Mercedes 190 SL ist ebenfalls signifikant, unverglaster Windschutzscheibenrahmen beim Manurba-Modell, die Siku-Interpretation mit ungerahmter, transparenter Verglasung. Die Kapitäne haben unterschiedliche Vorbilder; Siku machte den Kapitän ’54 (gebaut Oktober 1953 bis August 1955), Manurba den Kapitän ’56 (September 1955 bis Februar 1958). Der offene Borgward hat kein Siku-Pendant. Ab wann Manurba diese Serie fertigte, ist uns nicht bekannt, weil wir nicht durchgängig alle Manurba-Kataloge besitzen. Den Vorbildern nach zu urteilen, dürfte sie um 1958/59 gestartet sein. Zuletzt waren die Modelle im 1971er Manurba-Katalog gelistet.

Blick über den Tellerrand statt Scheuklappen

Wer Siku-Plastik ernsthaft sammelt und die Fähigkeit besitzt, nach links und rechts zu blicken, interessiert sich für „Exoten“, auch wenn sie nicht aus der Ferne, sondern aus Franken (Manurba) oder dem Salzburger Land (Roco) kommen. Für denjenigen sind die Roco- und Manurba-Modelle eine willkommene Abwechslung und bevölkern eine Ecke in der Vitrine, die von Sammlerfreunden neugierig beäugt wird. Und, vor allem, nicht alles, was auf Ebay oder auf Börsen vollmundig als „Siku“ beschrieben wird, ist tatsächlich Siku. afs

Die beiden Konkurrenten in 1:1 als gelbe Manurba-Miniaturen: in blasserem Gelb die Isabella, etwas sonniger der Taunus 17m, jeweils mit weißen Rad-Achs-Kombinationen.
Der Manurba-BMW ist konstruktiv dem Siku-Modell ähnlich, und beide sind formal nicht gerade formenschöpferische Höhepunkte. Der blaue BMW ist original, am gelben wurde an der Front und den Radkappen mit Silber gepinselt.
Die schönen Isabellen von Manurba, Limousine und Coupé-Cabriolet. Bei Letzterem ist der Scheibenrahmen bruchgefährdet, und generell können bei den Manurba-Modellen die Stoßstangenecken abbrechen.
Mit schwarzen und mit weißen Rad-/Achs-Kombinationen: bunte Manurba-Kapitäne, das 1956er Modell, formal prima getroffen und eine schöne Ergänzung zum Siku-Modell, das einen ’54er Käpt’n darstellt.
Siku und Manurba am Beispiel Ford Taunus 17m P2: Beide geben das Standardmodell wieder, das zweifarbige Siku-Modell die Version ab März 1958, die das Kühlergrilldesign mit der Deluxe-Version teilt, das schwarze Manurba-Modell die kurzlebige Version von September 1957 bis Februar 1958.
Auch beim Mercedes 190 SL ist Verwechslungsgefahr zwischen Manurba (links) und Siku ausgeschlossen. Erscheinungsbild und Konstruktion völlig anders, Manurba plumper mit zu hoher Frontpartie, Siku eleganter und vorbildgerechter.
Manurba-Modelle wurden auch für Fahrschul-Lehrkästen verwendet und sind deshalb manchmal mit angeklebten Magneten zu finden.
Wer sich die Mühe macht, die Manurba-Modelle zu lackieren, nimmt ihnen die billige Spielzeugallüre. Vor allem der zweifarbige Taunus 17m macht ganz schön was her und hat richtiggehend Modellcharakter.
Black is beautiful: Das 17m-Pärchen von Roco und Manurba in Schwarz mit weißen Rädern. In beiden Serien ist Schwarz die seltenste Farbe.